Stille Seen und alte Wissenschaftler

Unsere Reise von Sapporo nach Tokio haben wir, damit wir nicht wieder den ganzen Tag im Zug verbringen, in 3 Etappen unterteilt.
Zuerst nehmen wir wieder den langweiligen Bummelzug nach Hakodate, dann durch den Seikan Tunnel und schließlich mit dem Shinkansen nach Morioka.
Von Morioka fahren wir nach Tazawa-Ko, einem kleinen verschlafenen Seedörfchen am tiefsten See Japans.
Im Sommer eine Badedestination und im Winter ein Ort von dem man die vielen Onsen der Umgebung erkunden kann. Jetzt im Herbst ist es recht leer. Wir quartieren uns in einem Youth-Hostel ein und bekommen ein traditionelles japanisches Zimmer. Ein 5 Tatamimatten Zimmer und eine kleine Loggia mit Waschbecken. So wie es sich gehört.

Wir spazieren noch einmal zum See um ein paar schöne Abendfotos zu schießen und dann gibt es ein sehr gutes traditionelles japisches Abendessen. Es besteht aus neun verschiedenen Gerichten, die wir nach Lust und Laune in beliebiger Reihenfolge genießen. Traumhaft.

Nach dem Essen gehen wir noch ins hauseigene Bad und entspannen uns. Zu diesem Bad muss ich noch ein paar Worte schreiben, das Erlebins war nämlich einzigartig. Klassische kleine Bäder sind ja immer mit einer Reihe Duschen ausgestattet, vor denen man auf einem kleinen Hocker so lange wäscht und schrubbt, bis man so richtig sauber ist. Dann geht man in ein etwa vier Quadratmeter großes Becken mit wirklich heißem Wasser und entspannt. Dies war im Bad auch alles vorhanden, aber der Zustand der Einrichtung war völlig anders als erwartet. Die schwarzen Fließen waren an mehreren Stellen durch völlig andere ersetzt worden. Manche Stellen waren einfach nur mit Fließenkleber ausgebessert oder blieben ganz abgebröckelt. Die Duschen hatten schon bessere Zeiten gesehen und auch die kleinen Hocker waren so alt, dass die ursprünglichen Farben nicht einmal annähernd zu erraten waren. Der Zufluss des Beckens war abgeschlagen und die Fenster waren an einer Stelle gesprungen und mit silbernem Tape ausgebessert. Und dennoch, es war irgendwie charmant. In Japan gibt es einen Ausdruck für genau jene Art von Orten/Dingen, Wabi-Sabi. Dieses Bad verkörperte den Charakter des Ausdruckes mit solcher Intensität, dass sich mein erster Schrecken ob des Zustandes in ein Gefühl wohliger Geborgenheit verwandelte. Als ich dann ins heiße schwefelhaltige Wasser eintauchte, machte sich eine Entspannung breit, die ich schon lange nicht mehr erlebt habe. Es war wunderbar.

Den Rest des Abends plaudern wir am Zimmer und dann gehen wir schlafen. Da wir die Gasheizung abdrehen (mir ist nicht ganz wohl wenn die Dinger durch die Nacht laufen) ist es morgens empfindlich kalt.
Einen Kaffee aus dem Automaten schlürfend, sitzen wir noch gemütlich herum, als uns ein alter Japaner, der auch hier Gast ist, anspricht. Er erklärt uns, dass er im Internet zu finden ist und wir suchen etwas skeptisch nach seinen Angaben bis wir nach einiger Zeit draufkommen, es handelt sich bei dem freundlichen alten Mann um Sato Yoichi, den Erfinder des Adaptive Blind-Sato Algorithmus. Einer in den Grundlagen noch immer wichtigen Formel für Datenübertragung. Da waren wir dann erst einmal baff. Wenig später schießen wir noch Fotos mit dem guten Mann und einer anderen Reisegruppe. Ich verteile Mannerwürfel und Schnitten, dann gehts zurück nach Morioka und von dort weiter nach Sendai.
Nie hätten wir geglaubt in so einem verschlafenen Örtchen so viele tolle Erlebnisse zu sammeln, aber es ist so wie immer, abseits der Touristenpfade passieren die wirklich einzigartigen Geschichten.

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